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Öffentliche Sondersitzung des Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät: Rede des Dekans

Die Rede des Dekans der Philosophischen Fakultät bezüglich geplanter Maßnahmen zur Umstrukturierung der Fakultät.

Sehr geehrte Mitglieder des Fakultätsrats Liebe Kolleginnen und Kollegen, Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Öffentlichen Sondersitzung des Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn.

Einziger Tagesordnungspunkt sind die Umstrukturierungspläne der Fakultät. Gestatten Sie mir einleitend ein paar allgemeinere Überlegungen: Wir verhandeln heute über das Schicksal einer der schönsten und wichtigsten Fakultäten der Universität Bonn, ja ganz Deutschlands, wie das Presseecho der letzten Wochen zeigte. Ich spreche bewusst von einer „schönen“ Fakultät, da in der Bonner Philosophischen Fakultät noch all die Fachrichtungen vertreten sind, die sich mit den geschichtlichen und gegenwärtigen Äußerungsformen des menschlichen Geistes und nicht bloß mit seinen Funktionsweisen beschäftigen.

Die Philosophische Fakultät, meine Damen und Herren, ist das Herzstück der Universität. Die alte Philosophische Fakultät, in der (fast) alle Geisteswissenschaften gebündelt sind, gibt es nicht mehr an vielen deutschen Universitäten. Sie steht für die Einheit der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die auf eine gemeinsame Idee von Wissenschaft und Kultur hin orientiert sind.

Die Idee der modernen Philosophischen Fakultät und der modernen Geisteswissenschaften ist eine romantische Idee, sie entstand in der Zeit der europäischen Romantik, als dem abendländischen Denken endgültig seine Traditionen und seine Gewissheiten zerfielen, sie entstand gewissermaßen als Reparaturbetrieb dieses Zerfallsprozesses. So steht die Erfindung der modernen Geisteswissenschaften von vornherein unter dem Vorzeichen der permanenten Vorläufigkeit, Prekarität ihres Tuns, unter dem Vorzeichen ihrer drohenden Vergeblichkeit und im trotzigen „Dennoch“, mit dem sie die sinn-neutrale menschliche Existenz analysiert und ihr Sinnangebote macht.

Die Methodik der Geisteswissenschaften ist dabei eine, wie ich einmal sagen möchte, möglichkeitskritische. Eine möglichkeitskritische Vorgehensweise meint, dass die Geisteswissenschaften kontrafaktisch den Sinn für das Menschen-Mögliche schärfen, die Kritikfähigkeit gegenüber naturalistischen Fehlschlüssen erhöhen,– naturalistische Fehlschlüsse, mit denen die Sachwalter der herrschenden Verhältnisse die Normativität des Faktischen behaupten, womit sie aber de facto nur die Identität der Identität behaupten. Die Geisteswissenschaften eröffnen in der Theorie Wahlmöglichkeiten, die dann auch praxisrelevant werden können. Sie stellen die Frage nach einer authentischen menschlichen Existenz und authentischen kulturellen Äußerungsformen, die Frage nach der Möglichkeit eines richtigen Lebens im falschen, wie Adorno es formulierte, sie verhandeln das Verhältnis von materiellen zu immateriellen Werten und üben Bewusstseinsanalyse und Machtkritik, weil unbewusstes Bewusstsein und Macht Möglichkeiten beschränken.

Geisteswissenschaftler sind geprägt von einer Wissenschaftskultur, die sich immer noch am Ideal der Humboldtschen Universität orientiert. Dieses Ideal zielt auf so etwas wie die Bildung des ganzen Menschen, wozu natürlich auch Muße und Zeit der Reifung zur Persönlichkeit gehört. Ein Geisteswissenschaftler arbeitet sich an den Inhalten seines Studiums und seiner Forschung auch persönlich und charakterlich ab, entwickelt sich dadurch noch in hohem Maße weiter, weil die fachlichen Inhalte, die man in den Kultur- und Geisteswissenschaften bearbeitet, die Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht kalt lassen, sondern sie existenziell betreffen und betroffen machen. Im Laufe eines Studiums der Geisteswissenschaften wird man zu einem anderen Menschen. Geisteswissenschaften machen den Geist weit und frei, – frei von der Enge des heute vorherrschenden Utilitarismus und Materialismus. Vielfach scheint es heutzutage ja, als ob der einzige Zweck der menschlichen und auch wissenschaftlichen Existenz darin bestünde, kurzfristigen Interessen unseres Wirtschaftssystems zu dienen. Die Philosophische Fakultät dient den langfristigen Interessen des menschlichen Geistes, die von keiner exakten Wissenschaft ausgemessen werden können. Kunst, Philosophie, Psychologie, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die Geschichtswissenschaft und die Philologien versuchen, den Menschen und seine kulturellen Äußerungsformen zu verstehen und nicht nur seine Funktionsweisen zu analysieren. Geisteswissenschaften bewahren und schaffen immaterielle Werte, die in der Sintflut des herrschenden Materialismus idealistische Inseln bilden, da, wie Sie ja wissen, der Mensch nicht vom Brot allein lebt.

Doch die Philosophische Fakultät der Universität Bonn ist auch Teil der materiellen Lebenswelt und befindet sich in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung. Wer Veränderungen bewirken oder aber vermeiden will, muss nach Machiavelli oder Karl Marx zunächst die Rahmenbedingungen seines Vorhabens genau analysieren, um eine realistische Einschätzung seiner Chancen zu gewinnen. Vor vier Jahren wurde klar, dass wir, wie andere Fakultäten auch, erhebliche Summen würden einsparen müssen, und nunmehr, da Rücklagen aufgebraucht und andere Kompensationsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, müssen wir diese Einsparungen auch realisieren. Wir haben dafür nicht die Vorgehensweise eines top-down diktierten Masterplans gewählt, sondern bottom-up das geduldige, manchmal beharrliche Gespräch mit den für Lehre und Forschung verantwortlichen Professorinnen und Professoren der zehn Institute unserer Fakultät. Und ich möchte mich an dieser Stelle nun auch bei allen Professorinnen und Professoren unserer Fakultät für die konstruktive, kollegial freundliche und solidarische Mitarbeit bedanken. Wir haben mit allen Instituten Einvernehmen herstellen können über die schmerzhaft zu realisierenden Einsparpotentiale, deren Einzelheiten Ihnen gleich die Prodekanin für Strukturen und Finanzen, Kollegin Claudia Wich-Reif präsentieren wird. Sie kennen bislang ja nur die Einsparsumme Ihres eigenen Instituts und werden nun vergleichen können, was Sie und was andere leisten können, ja leider müssen.

Das Dekanat steht seit seinem Amtsantritt in engem Kontakt mit dem Rektorat, das ein hohes Interesse an der Philosophischen Fakultät und ihrer Strahlkraft nach außen hat, uns mit Rat zur Seite steht und auch mit Überbrückungshilfen, wenn nicht alle Einsparungen gleich im nächsten oder übernächsten Jahr realisiert werden. Das Rektorat hält uns den Rücken frei und gibt uns weitgehende Gestaltungsfreiheit bei den Einsparungen und auch bei den Neustrukturierungen, die mit den Einsparungen verbunden sein werden. Das Wissenschaftsministerium hat gewisse Rahmenbedingungen gesetzt, insbesondere was den Schutz der kleinen Fächer betrifft, und daran haben wir uns natürlich gehalten.

Abschließend nur noch ein Wort zum weiteren Vorgehen. Heute veranstalten wir die 1. Lesung der Umstrukturierungspläne; diese 1. Lesung betrifft vor allem die Einsparungen. Nach den Weihnachtsferien gibt es dann jeden Mittwoch eine Sitzung, abwechselnd Strukturkommission und Fakultätsrat, mit einer abschließenden Sondersitzung des Fakultätsrates am 1. Februar, bei der die Einsparungen und die wichtigsten Eckdaten der Um- und Neustrukturierungen in 3. Lesung beschlossen werden sollen. In den Semesterferien finden Gespräche mit dem Rektorat statt, das die Pläne billigen oder, was wir natürlich nicht hoffen, um Modifikationen bitten kann. Im Sommersemester 2012 soll dann auf der Basis der gefassten Beschlüsse ein ausführlicher Struktur- und Entwicklungsplan 2020 erarbeitet werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.